Gedanken der Woche: Wozu noch Arthouse?

Ich möchte bei der Frage weitermachen, die ich am Ausgang meiner letzten Kolumne gestellt habe. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, dass der krasse Arthouse-Film verdrängt wird und wir stattdessen Filme geboten bekommen, die viel weniger experimentell aber ebenso fähig sind, uns filmisch etwas zu bieten.

Zu nächst einen kleinen Exkurs zum Begriff ‚Arthouse‘. Nicht wirklich anders als heute wurde der Begriff damals geprägt, um sich vom Mainstreamkino abzusetzen. Wo die Anfänge des Mainstream-Kinos und bereits die frühe Hollywoodära schon so hohe Wellen geschlagen haben, dass sie Theodor W. Adorno in der Mitte des letzten Jahrhunderts zu einem gigantischen Shitstorm über den Verfall der menschlichen Kultur in die Barberei Anlass geboten haben, verschreiben sich einige Programmkinos, sogenannte ‚Art Houses,‘ für die Pflege abseitiger Filme. Kern dieser Bemühungen war der jeweiligen zeitgenössischen Avantgarde-Bewegung eine Plattform zu bieten.

Während früher der Dualismus Mainstream-Avantgarde noch um einiges leichter zu vollziehen war, obgleich auch damals schon im Mainstream-Kino Filme entstanden, dessen künstlerisches Potenzial nicht zu verleugnen war, wird die Grenze heutzutage noch umso durchsichtiger.

Das Hauptargument experimenteller Filme, neue Erzählweisen und Filmtechniken zu erproben, kann durch die vielen hochkarätigen Regisseure im Hollywood-Business kein Alleinstellungsmerkmal sein. Quentin Tarantino und Terrence Malick sind nur zwei Beispiele von Hollywood-Regisseuren, die sich ganz und gar nicht dem berühmt berüchtigten Schema F beugen. Was ist aber ist an dem Schema F nun eigentlich so schlimm, dass man so etwas wie eine Avantgarde überhaupt nötig hätte? Naja, also erst einmal sind Drei-Akt-Strukturen, wie sie in fast jedem gängigen Action-Film vorkommen, derart ausgelutscht, dass sie dem Zuschauer immer nur gewohntes darlegen, was auf Dauer langweilig werden kann. Andererseits sind in diesen automatisierten Aspekten immer Momente von Ideologien enthalten, denen man kritisch entgegentreten sollte. Bestimmte Schönheits-, Beziehungs- und Lebensideale Hollywoods wollen und können wir doch alle nicht wirklich gerecht werden. Der Arthousefilm ist deshalb die Möglichkeit über das Leben außerhalb der üblichen Idealisierungen nachzudenken. Auch wenn er oftmals schwierig, hässlich oder sogar langweilig daher kommt, steckt in ihnen prinzipiell die Möglichkeit etwas zu sichten, was im Mainstream-Kino aufgrund der Profitorientierung durch Massenwirksamkeit schlicht keinen Platz finden würde. Es ist zwar in unserer Kino-Landschaft nicht mehr möglich ist Arthouse und Mainstream fein säuberlich zu unterscheiden, trotzdem schreien bestimmte Filme ganz laut ‚ARTHOUSE‘ oder ‚MAINSTREAM‘.

Dass erfreuliche an Hollywood unserer Tage ist seine Tendenz seine enorme Ausdifferenzierung. Während so Filme wie ’12 Years A Slave‘ vielleicht nicht von jeder Person als Arthouse-Film gesehen wird, ist er unbestreitbar kulturell bedeutsam, nicht nur wegen seiner Oscar-Ehrung, sondern weil er einer Strömung von Filmen angehört, die seit 2010, um eine Neubewertung der afro-amerikanischen Bevölkerung bemüht ist. Das amerikanische Kino ist zweifellos das heutige Leitkino, ist dabei zwar nicht sonderlich experimentell, aber schafft es jedoch noch Filme mit hohem Kunstcharakter zu produzieren. Das One-Cut-Wunder ‚Birdman‘ überzeugt zudem noch mit einem unzuverlässigen Erzähler und einem psychisch-pathologischen Figurenensemble und auch die bedeutenden europäischen Filmemacher zögern nicht damit, amerikanische Schauspieler zu engagieren. Arthouse- und guter Hollywoodstreifen gleichen sich immer mehr an, großer Verlierer ist dabei nur die Avantgarde, die durch den großen Erfolg von kommerziellen Produktionen bei den internationalen Filmfestivals leer ausgeht. Für manche mag das bedauerlich sein, ich betone lieber die gute Seite des Tausches. Kommerziell und künstlerisch sind keine Gegensätze mehr, ein künstlerischer Film muss nicht mehr überall darauf aufmerksam machen, wie schwierig er ist, indem er ständig nur die Negativposition zum Mainstream einnimmt.

Für mich ist 2016 das Jahr, in dem das Populäre vielerorts seine Wahrheit preis gibt.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. filmlichter sagt:

    Ich glaube, dass wir in der Filmwelt derzeit ein Schisma erleben. Einerseits die Mainstreamfilme, die so studiogesteuert sind, wie seit Jahrzehnten nicht mehr, andererseits einen „echten“ Independentfilm. Dank Crowdfunding und neuer Technik, die in Qualität und Bedienbarkeit professionelle Möglichkeiten für Menschen bietet, die diese vor Jahren noch nicht hatten. Ich meine, es existieren schon durchaus gut aussehende Filme, die mit dem iPhone entstanden sind. Hier wird die Kreativität „demokratisiert“.
    Das ist einerseits toll, wird aber – ähnlich, wie bei selbstverlegten eBooks – dafür sorgen, dass für den durchschnittlichen Zuschauer jede Übersicht verloren geht. Da könnte ein Bedarf nach „virtuellen Art Houses“ entstehen, die hier kurativ tätig werden. Denn, ich glaube, die echten Kinos werden mehr und mehr den Blockbustern, den Superheldenfilmen und Star Warses vorbehalten bleiben, während sich der Großteil der Kreativität (und womöglich der Avant Garde) in diesem neuen Independent Bereich abspielt.
    Und in einigen Jahren, wenn die derzeitigen Blockbuster nicht mehr so ziehen, wird aus dem Independent Bereich vielleicht ein neuer ‚Easy Rider‘ erwachsen und Hollywood läuft wieder in eine ganz andere Richtung.
    Oder es kommt ganz anders, weil ich keine Ahnung habe wovon ich rede. 😉
    Das ist sogar das Wahrscheinlichste…

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