Gedanken der Woche: Ein Kino ohne Stars?

Stellen wir uns mal vor das Kino müsste ganz ohne Stars auskommen. Das wäre ja nicht nur für die ganzen Hollywood-Produktionen fatal, sondern eigentlich für jede Sorte Film. So ein bisschen werben doch alle mit bekannten Schauspielern, da ist es egal ob man Michael Bay, Lars von Trier oder Federico Fellini heißt. Wenn wir nicht mehr für Schauspieler ins Kino gehen wofür dann? Dann wären wir wohl viel mehr auf Kritiker-Meinungen angewiesen, auf den Namen und Stil von den Regisseuren oder Produzenten, denen wir vertrauen. In jedem Film würden wir irgendwelche Schauspieler auf der Leinwand sehen, von denen wir noch nie etwas gehört haben. Eigentlich ist das ja nur konsequent. Wir gehen in einen Film und schauen uns eine Geschichte an, die wir noch nicht kennen. Wieso sind dann die Schauspieler zu den Figuren dieselben? Fangen wir mal an über Filme nachzudenken, die von frischen Gesichtern extrem profitierten.

Da war doch dieser sagenhafte Film, ‚Blau ist eine warme Farbe‘ (OT: La vie d’Adèle). Schon ein bisschen her, aber als ich in damals das erste mal gesehen habe, war ich so geflashed, dass ich den nächsten Tag gleich nochmal rein gegangen bin. Die Hauptfigur ist Adèle, die wohl nicht umsonst den gleichen Namen wie ihre Schauspielerin trägt. Der Zuschauer darf in dem knapp 3-stündigen Film ganz langsam mit ihr ihre Sexualität entdecken. Das besondere hierbei ist, dass der Figur ziemlich viel Raum dadurch gelassen wird sich zu entfalten, weil die Schauspielerin davor niemand wirklich gekannt hat. Keiner steht ihr voreingenommen gegenüber, alle können sie ihr von Anfang an begegnen und ihr zuschauen, wie sie sich durch ihre erste lesbische Freundin selbst findet. Für Adèle Exarchopoulos‘ erste Rolle gab’s sofort Preis für beste Schauspielerin in Cannes. Coming-of-Age-Filme der ernsteren Art scheinen die Methode Newcomer in die Hauptrollen zu setzen, ziemlich zu mögen. In Jung&Schön trifft ziemlich ähnliche Töne und auch dort ist es das unverbrauchte Gesicht von Marine Vacth durch den der Film interessant wird.

Ein absolutes Meisterwerk des Laienschauspiels ist hingegen ‚Das 1. Evangelium – Matthäus‘. Pier Paolo Pasolini hat in dieser meiner Meinung nach besten Bibelverfilmung das gesamte Ensemble mit unprofessionellen Schauspielern besetzt. Kritiker sehen in der Christus-Figur Pasolinis oft den Versuch die kommunistischen Überzeugungen des Regisseurs in Jesus von Nazareth hineinzulegen. Die Vorwürfe mögen berechtigt sein, Pasolinis Jesus verwirklicht viele kommunistische Tugenden. Der Regisseur nimmt sich das Recht und durch die Realisierung eines so großartigen Films seine Sache ziemlich gut begründen. Kein Gesicht in diesem Film sieht aus wie die stilisierten Sternchen, die es auch damals schon im Kino zu bewundern gab. Alle Gesichter sind durchzogen von Falten, Kanten. Mitgenommen sieht hier jeder aus, weil der Regie-Stil eine unverblümte Optik erschafft, in die die schweren, steifen Bewegungen den Schwermut der Geschichte tragen. Interessant ist jedoch wie die Jesus-Figur sich in der Produktion darstellt. Als Film für die Allgemeinheit, erzählt der Film durch sein Cast von ordinären Menschen die Geschichte des Mannes, der für die gesamte Menschheit gestorben sein soll.

Zum Abschluss noch ein kleines Gedankenspiel bezüglich Marvel-Filme. Mir gefällt der neue Spider-Man Tom Holland ja extrem gut. Der neue Spider-Man-Film wird auf jeden Fall also frischen Wind in das gesamte Universum bringen. Die Schauspieler der Avengers-Helden darf man ja mittlerweile nicht mehr ändern, um den Shitstorm zu vermeiden, aber ehrlich gesagt sind die meisten von denen in ihren Rollen doch schon total verbraucht. Robert Downey Jr. überrascht niemanden mehr, wenn er als Tony Stark mal wieder einen auf Mr. Überheblich macht, wobei er damals bei Iron Man 1 noch einfach der perfekte Mann für die Rolle war. Mittlerweile ist das alles zu erwartbar geworden. Chris Evans hat sich mit seinem geleckten Aussehen auch ziemlich in seine Captain America-Rolle gekämpft. Irgendwann aber wird der Reboot-Wahn der Comics und älteren Filmhelden auch die Haupthelden der Avengers treffen. Auf diesen Moment freu ich mich schon riesig, da wird es endlich mal wieder die Gelegenheit geben, einen anderen Captain America oder Iron Man zu präsentieren. In den Figuren der alternativen Universen steckt wirklich noch viel mehr drin, als es die derzeitigen Verfilmungen so vermuten lassen. Und die kommen dann hoffentlich mit unverbrauchten, frischen Gesichtern.

Schreibt mir in die Kommentare doch, welchen Film mit Laien-/Debutschauspielern ihr mir empfehlen könntet. Da wär ich echt gespannt, ziemlich gerne auch Coming-of-Age-Filme!

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Filmschrott sagt:

    Wird jetzt wohl wenig überraschen, aber mir sind Stars in erster Linie mal scheißegal. Klar, es gibt durchaus Leute, die ich wirklich gerne sehe, aber für mich ist eine Person – oder auch der ganze Cast plus Produktion und allen Beteiligten – absolut kein Grund einen Film zu gucken. Wenn der Film mich nicht interessiert, ändert daran auch der Cast nix.
    Andersrum kenne ich beispielsweise keine Sau aus Asien oder Skandinavien, die Filme sind aber meist trotzdem geil.

    Das ist doch alles nur der übliche Medienblah, weil man halt mit irgendwas werben und über irgendwas berichten muss. Es ist mir scheißegal, was die Affen in ihrer Freizeit machen. Murray ist ein Arschloch, aber ich mag seine Filme meist. Cruise ist völlig irre, aber trotzdem können seine Fime gut sein. Jennifer Lawrence ist total nett, aber deshalb kann sie trotzdem Scheißfilme drehen.

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  2. Als erstes fällt mir da der Klassiker „Carnival of Souls“ aus dem Jahr 1960 ein. Ein Film, der hauptsächlich mit Laiendarstellern gedreht wurde, da das Geld hinten und vorne fehlte. Der deutsche Titel heißt „Tanz der toten Seelen“. Absolut sehenswert.

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  3. Mir ist spontan kein Film außer „Blau ist eine warme Farbe“ eingefallen, den du ja schon hast. Aber es ist schon ein interessantes Phänomenen. Ich richte mich durchaus manchmal nach gewissen Schauspielern, um mir einen Film anzusehen. Adam Sandler zum Beispiel, ist für mich auch voreingenommen Grund genug, einen Film nicht zu besuchen, es sei denn, ich höre Gegenteiliges. Ist sicherlich nichts, worauf man stolz sein kann. Sollte man öfter vielleicht hinterfragen.

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    1. kuyaa sagt:

      Ich werde definitiv noch einmal einen Text „Kino mit Stars“ schreiben! Ich denke es gibt genügend gute Gründe, an dem Konzept ‚Schauspieler‘ als Kinogänger festzuhalten. Nur sollte es für die Filmschaffenden meiner Meinung nach nicht selbstverständlich sein. Der Hollywood-Wahn nach Stars in Titelrollen geht mir ehrlich gesagt auf den Senker, aber das sind alles Gedanken für zukünftige Artikel! :p

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      1. Ich freue mich drauf. Auch interessant, ist diese Idee hier, um seine Wahrnehmung zu verändern. Überlege schon die ganze Zeit, ob ich teilnehme… Eine Challenge 52 Wochen lang 1x pro Woche einen Film mit einer weiblichen Regisseurin zu gucken. Die Liste hat mit gezeigt, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wieviele Frauen unheimlich gute Filme gemacht haben. Die üblichen Verdächtigen, klar… Aber da sind wirklich auch Überraschungen dabei.

        https://gowatchit.com/lists/52-films-by-women-284752

        http://womeninfilm.org/52-films/

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      2. kuyaa sagt:

        Oh, interessante Liste. Davon kenn ich auch nicht so viele. The Piano ist übrigens mega gut :D!

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      3. Ja, das wäre auch eines der wenigen, wo ich hätte sagen können, dass es von einer Frau ist.

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  4. Stepnwolf sagt:

    Da könnte ich jetzt aus dem deutschen Raum gerade zum Thema Coming of Age einige nennen, belasse es aber bei ein paar Beispielen: „Nach fünf im Urwald“ (Franka Potente), „Kriegerin“ (Alina Levshin), „Sophiiiie“ (Katharina Schüttler) oder auch aus dem vergangenen Jahr „Victoria“ (Laia Costa). Bei den amerikanischen Produktionen fällt mir immer zuerst „Winter’s Bone“ (Jennifer Lawrence) ein. Und du hast recht: Coming of Age bietet sich wunderbar an, jungen frischen Schauspielern die Gelegenheit zur Entfaltung zu geben. Das geht aber auch mit dem Genre an sich einher… 😉

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