Kritik: Belladonna of Sadness

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(c) RapidEyeMovies

Belladonna of Sadness ist einer dieser wunderbaren Filme, aus denen man verstört aus dem Kino kommt, aus Verwirrung in die falsche Bahn steigt, letztlich noch im Bett mit gezuckten Augenbrauen liegt und vor dem Einschlafen noch gedanklich verarbeiten muss, was man da eigentlich gesehen hat. Der Film entzieht sich von Grund auf jeglicher Kategorie, wurde eigentlich 1973 vom Mushi Studio, einem der wohl einflussreichsten Anime-Studios in der Geschichte des Genres gegründet und wurde wohl auch aufgrund seiner totalen Abwegigkeit weitestgehend vergessen. Dass viele Szenen nicht einmal animiert, sondern aus Voice-Overs bestehen, die über Wasserfarbenbilder gelegt werden, wirkt anfangs ziemlich amateurhaft, doch mit der Zeit bildet der Film seine eigene Ästhetik aus und vollbringt es auf ganz eigene Weise schön zu sein. Und das ist trotz der stockdüsteren Handlung nicht zu unterschätzen, also haltet Euch mal fest:

In der ersten Szene wird vom Traumpaar Jean und Jeanne erzählt, die in einem vormodernen Europa eine perfekte Liebe führen und sich vermählen. Der dämonische Herrscher über ihr Dorf aber beschließt Jeanne aufgrund der Schuldlastigkeit ihres Mannes nicht nur selbst zu deflorieren, sondern durch seine Untertanen einer Massenschändigung zu unterziehen. Daraufhin versucht sie in ein normales Eheleben einzutreten, doch schleicht sich der Teufel in ihr Bewusstsein und verspricht der hilflosen Frau gegen ihre vollste Hingabe alle Macht, die sie begehrt. Es machen einen Großteil des Filmes Vergewaltigungsszenen aus, die aber nicht in Erotik münden, sondern in abstrakt-stilisierte Spiele mit farbigen Formen. Dabei nimmt man den Triebakten nichts von ihrer Schroffheit – zu sehen wie phallische Gestalten in die angedeuteten Geschlechtsorgane Jeannes gestoßen werden, ist immer wieder grausam, doch grade wegen dieser übermäßigen Ästhetisierung auch erträglich mit anzusehen.

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(c) RapidEyeMovies

Der Teufel verschlingt sie allmählich vollkommen, die gipfelnde Schändung scheint bedrohlicher als jemals zu sein. Aber dann werden Szenen von Pop-Art im Sekundentakt aneinander geschnitten und collagiert. Zuerst sind da durchaus Verbindungen drin: ein Urmensch haut einen Gorilla auf den Kopf, eine Rakete wird gezündet, doch plötzlich werden total belanglose Bilder eingeblendet, als würde mal alles, was auf Google zu finden war, schnell eingestreut werden. Eine vollkommene Verballhornung auf dem Höhepunkt der Folter, doch wird ab hier der Film erst wirklich interessant.

Jeanne wird zur Belladonna of Sadness und ist nun in der Lage durch ihre psychedelischen Kräuter Krankheiten zu heilen und Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen. Sie wird zur Venus-Figur im Wald stilisiert und schafft einen Kult freier Liebe um sich, zu denen die Maltechnik nun die schönsten Bilder produziert. Das Motiv des Teufelspackt wird neu bewertet. Die ewige Knechtschaft in der Hölle wird in diesem Film vielmehr zur Befreiung des Menschen auf der Welt. Jeanne heilt die Pest bei den Dorfbewohnern durch die Öffnung ihrer unterdrückten Sexualität und wird selbst zur Gottheit, die nicht im Geringsten so böse ist wie der Baron des Dorfes, der nun in den Krieg gezogen ist, um noch mehr zu beherrschen und zu unterdrücken. Er bestellt nun Jeanne zu ihm ins Schloss und bietet ihr die höchsten seiner Ränge an mit dem Vorwand nur so viele Menschen wie möglich glücklich machen zu wollen. Jeanne lehnt ab und stirbt wie die Heilige Johanna von Orleans auf dem Scheiterhaufen, während die zu ihr haltende Dorfgemeinschaft über das Todesurteil ihren Zorn noch im Zaum halten. Der Film endet, indem er in Bildern die Geschichte der Französischen Revolution erzählt und das Gesicht von Delacroix‘ Freiheitsfigur  fokussiert.

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(c) wiki commons. Eugéne Delacroix – Die Freiheit führt das Volk

Damit wird der Sieg der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Gestalt der Frau zugeschrieben und Jeanne als sein Märtyrer erhoben. Die so herrlich absurde, abschließende Botschaft des Films ist also, dass das Lustprinzip und der Sexualtrieb den Menschen erst wirklich befreit hat und in ihrer Perversion mehr Wahrheit verborgen liegt, als in irgendwelchen korrupten, theologischen Konstrukten.

Belladonna of Sadness ist nur noch als DVD erhältlich und ist zusammen mit anderen abgefahrenen Filmen unter www.rapideyemovies.com  erhältlich.

8

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Morgen Luft sagt:

    Klingt nach was für Dergestalt. Gefällt mir vom Inhalt her aber auch. Gefallen ist da nicht das richtige Wort. Interessant schon eher.

    Gefällt 2 Personen

  2. amourfoufilm sagt:

    Bis dato noch nichts davon gehört…klingt aber interessant

    Gefällt 1 Person

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