Gedanken der Woche – Erinnerungen an Prinzessin Kaguya

Die Legende der Prinzessin Kaguya vom Ghibli-Studio ist definitiv einer der besten Zeichentrickfilme, die jemals produziert wurden. Da ist diese magische Aura des Films, der durch seinen einzigartigen Wasserfarben hervorgerufen wird – 90 Minuten, die man niemals wieder vergisst und über die ich mich zurückerinnere, um ein wenig Nostalgie auszuformulieren: Über den Mythos des Menschseins. 

Stille kehrt im wichtigsten Moment des Films ein. Kaguya wird vom himmlischen Hof Buddhas der Welt entrissen, ihre letzten Worte sind Liebesbekundungen zum irdischen Leben und dem Wesen des Menschen. Ihre Verneinung ist erstaunlich – sie wird von Mensch zum Gott, verschmilzt in ewige Harmonie mit dem Kosmos, schaut aber rückblickend auf den kleinen, blauen Planeten zurück und vergießt eine Träne. Sie traut der unvollkommenen Welt nach, die sie in vollsten Zügen als leidender und freudiger Mensch gelebt hat. Leiden war ihre selbst gewählte Lebensbestimmung und das elementar Menschliche und das Natürliche ihr Medium.

Dagegen werden alle Vertreter der Aristokratie als lächerlich und falsch dargestellt. Eine Gesellschaft, die dem Gerücht eines Gerüchts vertraut, für es in den Tod geht und es Liebe nennt, trügt sich durch den Schein der Welt. Geld ist per Definition die Repräsentation von Wertigkeit, der darüber hinaus aber keine andere Funktion besitzt. Und so wird im Kampf um Wertigkeit für die ganze Aristokratie die scheinbar begehrenswerteste und zauberhafteste Frau des Landes ein Wert den es zu besitzen gilt. Das Gefühl für das Natürliche haben sie indes auch verloren. Die Leidens- und Freudensfähigkeit, die Kaguya so sehr als Zentralkomponenten des Menschseins proklamiert, wird durch den strahlenden Schein verdeckt der Zivilisation verdeckt.

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Quelle: wiki commons

Und so kommt es auch, dass der Wahrheitsmoment des Filmes sich dort befindet, wo dem Schein seine Kraft genommen wird. Kaguya entledigt sich der höfischen Roben und erfährt mit dem Bauernjungen die Natur in ihrem größten Potenzial. In einem träumerischen Akt des Emporsteigens und Entgrenzens wird wahrer Sinn dort gesetzt, wo der Mensch seine Leidenschaft in der Liebeserfüllung übersteigt, die nichts weiter als die Person des jeweils anderen kennt. Dass selbst dieses Leben sich erst mit ihrer eigenen Absurdität abfinden muss, verrät der Bauernjunge in seinen Zweifel, doch beruht Kaguyas Lebensfreude grade in der absoluten Bejahung eben dessen. Die Absurdität der Welt stellt sich selbst dem vorzivilisierten, ‚reinen‘ Menschen als Lebensbeklemmung dar, dem städtischen Menschen erscheint seine ganze Kultur hingegen als tiefster Ausdruck des Widerspruchs.

Was bleibt ist ein umgedrehter Mythos, der nun im Widerspruch den Boden für menschliche Selbstbestimmung findet: Kaguya durchschreitet nicht die japanische Gesellschaft vom Bauernkind bis zur höfischster aller Prinzesinnen, um in ihrer buddhistische Idealexistenz wieder ihren Gottesstatus zu erlangen, sondern kehrt sich gegen die Religion und ihre göttliche Bestimmung, um der Welt durch sich ihr eigen zu machen.

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