Kritik: El Clan

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© 2016 PROKINO Filmverleih GmbH

Vor wenigen Tagen waren Staffmann und ich bei unserer ersten Pressevorführung und durften uns vor deutschem Kinostart den argentinischen Erfolgsfilm „El Clan“ ansehen. In seinem Produktionsland hat er bereits alle Kinokassenrekorde gesprengt, was natürlich mit durch den historischen Kontext bedingt ist – der Film beruht auf der wahren Geschichte eines argentinischen Familienclans, der während der wirtschaftlich und politisch milde gesagt unruhigen Jahre dieses Landes durch Entführungen und Korruption Schlagzeilen machte. Nachdem mir bereits Wild Tales vom selben Produzentengespann, Hugo Sigman, Pedro & Augustin Almodovar, äußert gut gefallen hat, ging ich davon aus, auch bei „El Clan“ 90 Min. gut unterhalten zu werden.


Handlung:

El Clan führt uns nach Buenos Aires in den frühen achtziger Jahren, wo die Puccios ein nach außen hin normales, gutbürgerliches Leben führen. Doch keiner aus der Familie wagt es, genauer nachzufragen, wie der fürsorgliche Familienvater Arquímedes (Guillermo Francella) das ganze Geld beschafft – durch die Entführung und Lösegelderpressung anderer reicher Familien. Doch Arquimedes Sohn Alejandro, der eigentlich nur seiner Passion als großer Rugby-Spieler nachgehen will, wird immer mehr in die dunklen Machenschaften hineingezogen…

Dieser kurze Handlungsbeschreibung ist nicht zu viel verraten, sollte man den Film noch nicht gesehen haben, denn genau in dieser Situation startet der Film auch. Im weiteren Verlauf der Kritik werde ich versuchen, so wenig wie möglich inhaltlich vorwegzunehmen.


Kritik: Da der gesamte Film wie eingangs erwähnt die tatsächlich so stattgefundenen Ereignisse rund um die Familie Puccio abbildet, ist der Handlungsspielraum natürlich begrenzter und man könnte höchstens Kritik daran ansetzen, wo Schwerpunkte gesetzt wurden oder bestimme Dialoge erfunden wurden. Was die Fakten angeht, so hat Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Pablo Trapero im Interview gesagt, dass sich das Filmteam akribisch mit der exakten Findung der Zeitangaben, der Orte und der Abläufe befasst haben und auch die beiden ersten Entführungen streng nach Beschreibungen der Familien der Opfer nachgestellt haben. Die größere Freiheit lag wiederrum in der Ausarbeitung der Dialoge vornehmlich zwischen Archímedes und seinem Sohn Alejandro, für dessen Grundlage lediglich einige Briefwechsel zur Verfügung standen. Und die beiden Darsteller dieser Rollen haben mir dabei sehr gut gefallen, Guillermo Francella spielt wunderbar den gefühlskalten Entführer und bleibt die gesamte Zeit über ein unberechenbarer Charakter, der schwer einzuordnen ist. Ein oder zwei zusätzliche emotionsgeladene Ausbrüche sowohl ins negative als auch ins positive hätten mich nicht gestört, um die Gefühle und Gewissensbisse und Angst, mit denen Alejandro und seine Geschwister zu kämpfen haben, noch ein wenig besser mitfühlen zu können. Alles in allem aber ist durch eine, wie ich finde, äußerst gelungene Darstellung Alejandro Puccios durch den hier bisher gänzlich unbekannten Schauspieler Peter Lanzani, das Schauspiel rund fesselt über die gesamte Laufzeit. Eine kleine Sache, die mich ein wenig gestört hat, war, dass zwischendrin ein kleiner Zeitsprung gemacht wurde, der eine vermeintliche Auflösung der Geschehnisse zeigt – ob das nun zum Miträtseln gedacht war ob es wohl wirklich so kommen mag, oder die Macher den Film doch wirklich überwiegend auf ein argentinisches Publikum zuschneiden wollten und die Ausgang dieser Geschehnisse als allgemein bekannt erachtet haben – mag ich nicht zu beurteilen, hätte für mich persönlich aber nicht sein müssen. Das tut aber natürlich dem Film insgesamt auch keinen riesigen Abbruch.

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Alejandro (links) und Arquimedes Puccio © 2016 PROKINO Filmverleih GmbH

Insgesamt kann ich den Film durchaus empfehlen und tue mich mit der endgültigen Bewertung schwerer als sonst, möchte aber am Ende doch eine wirklich starke 7 vergeben. Das ist auch mit Staffmanns Einschätzung in etwa Deckungsgleich. Wer gerne wissen möchte, was aus den echten Puccios geworden ist, für den schreibe ich die Ausgänge aus Spoiler-Schutz in weißer Schrift, wer das gerne wissen möchte also einfach den Bereich ganz unten im Artikel markieren.

7

Kinostart DE: 03.03.15

Besetzung:

Darsteller Rolle
Guillermo Francella
Arquímedes
Peter Lanzani Alejandro
Lili Popovich Epifanía
Gastón Cocchiarale Maguila
Giselle Motta Silvia
Franco Masini Guillermo
Antonia Bengoechea Adriana
Stefanía Koessl Mónica, Alejandros Freundin

Weitere Meinungen

 

  • Schnitt: 6,0/10

Arquimedes Puccio wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis studierte er Jura. Nach seiner Entlassung 2008 arbeitete er als Anwalt. Bis zu seinem Tod mit 84 Jahren leugnete er jede Beteiligung. Niemand wollte sich seiner sterblichen Überreste annehmen. Er wurde anonym bestattet.

Alejandro überlebte seinen Selbstmordversuch und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Vereinskameraden kämpften noch jahrelang für seine Unschuld. Monica besuchte ihn im Gefängnis, bis sie auf seine Bitten hin nicht mehr kam. Er versuchte mehrmals vergeblich, sich das Leben zu nehmen. Alejandro starb 2008 im Alter von 49 Jahren.

Maguila saß zwei Jahre ohne Urteil im Gefängnis und wurde schließlich entlassen. 1998 wurde er zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, doch er konnte fliehen. Es wird vermutet, dass er sich in Neuseeland, Australien oder Brasilien aufhielt. 2014 beantragte er vor Gericht die Löschung seiner Strafe, Dem Antrag wurde stattgegeben.

Epifania wurde 1987 entlassen und blieb aus Mangel an Beweisen auf freiem Fuß.

Silvia kam nach kurzer Zeit frei. Sie starb mit 52 Jahren an Krebs.

Adriana kam in die Obhut ihrer Tante und lebte später wieder bei ihrer Mutter.

Guillermo wurde mit den Taten nicht in Verbindung gebracht. Sein Verbleib ist unbekannt.

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. elizzy91 sagt:

    Eine tolle Filmrezension! Ich mag Filme, die auf eine wahre Geschichte beruhen, obwohl diese manchmal so echt sind, dass ich mich fast nicht getraue mir diese anzusehen. Weil ich mir dann immer denke „Oh das ist wirklich passiert!“ ;D ich glaube mein Satz ergab nicht so viel Sinn! 😀 Hoffe man versteht trotzdem was ich sagen wollte.

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    1. JOHN sagt:

      Ich zumindest verstehe ihn 😀 Und vielen Dank für das Lob!

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      1. elizzy91 sagt:

        Dann bin ich froh 😀 gerne und ein tolles Wochenende noch!

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