Doctor Strange und warum ich Marvel-Filme wieder mag

Das Kino ist ein schöner Ort. Man betritt einen Raum und ist für knapp zwei Stunden in völliger Ruhe. Ruhe vor der Welt, die sich da draußen immer wieder auch ohne unser Zutun um ihre eigene Achse drehen wird und dabei nie aufhört zu brummen. Mit dem Kino-Ticket erkauft man sich die Obhut eines verdunkelten Raumes, an dem nichts anderes zählt, als das farbige Bündel Licht, was an die Leinwand geworfen wird. Man setzt sich hin und guckt gerade aus. Nur gerade aus – das für zwei Stunden und schaut zu, wie sich gemächlich aber ganz bestimmt eine Welt im Film entfaltet wird, in der wir wissen, dass alles einfach Okay sein wird. Zwei Stunden freie Autonomie in der Geborgenheit des Kino-Saals, in der nichts kaputt gehen kann und wir klar wissen, was zu tun ist – einfach nur gerade aus schauen.

Das Marvel Cinematic Universe produziert nun schon seit acht Jahren Filme, deren filmischer Originalitätswert praktisch bei null liegt aber für mich grade das schöne Wohlgefühl immer wieder hervorruft. Es positioniert sich in der heutigen Kino-Szene ganz klar auf der Mainstream-Seite und käut seine Formeln mit dem stetigen Ziel der größtmöglichen Vermarktbarkeit und totalen Markenbildung Jahr für Jahr immer wieder. In den letzten Jahren habe ich mich nach den so ultimativ schlechten Filmen wie dem ersten Captain America oder den Iron-Man-Fortsetzungen mehr und mehr von ihnen distanziert, doch hat sich angehende Hater-Spirale nach den so einhellig geglückten letzten Filmen weiter und weiter gedreht, bis ich heute zu dem Punkt gekommen bin, ohne Scham wieder sagen zu können: Marvel ist doch irgendwie cool.

Aber kommen wir zu Doctor Strange: Ich fand ihn einfach sagenhaft, und das obwohl ich den Kritikern darin recht geben muss, dass er (natürlich!) über weite Strecken ziemlich generisch ist. Der Protagonist ist einfach nur ein weiterer Tony Stark, der Handlungsverlauf ist für jeden Marvel-Fan meilenweit vorherzusehen, und, wer hätte das gedacht, selbst Mads Mikkelsen in seiner Rolle als Bösewicht ziemlich blass. Trotzdem war Doctor Strange grade das, was ich an dem regnerischen Donnerstag vor ungefähr zwei Wochen brauchte: mal wieder das Abtauchen in eine Welt, die mich nicht verschreckt, bei der alles irgendwie bekannt, einigermaßen vorhersehbar ist und grade deswegen trotzdem Spaß macht.

Denn sobald man die flachen Liebesmodelle und die steinzeitlichen Männer- und Frauenbilder als Realitäten einer ganz ganz fernen Erzählwelt akzeptiert und einer ‚ernsten‘ Zuschauerhaltung abschwört, kann man sich ganz freudig auf die unbeschwerten Leben der Superhelden einlassen. Und auch wenn keiner der Filme das Rad neu erfindet, ist es immer wieder toll anzusehen, wie in ständiger Variation immer wieder der Weg des Heldens neu ausgeschmückt wird. Dass Doctor Strange so viele Ähnlichkeiten mit dem alten Iron-Man-Film hat, verleiht der Marvel-Welt einen märchenhaften Anstrich grade dadurch, dass ihre Pfade so ähnlich und doch so unterschiedlich ist. Tony Stark muss aus seinem kapitalistischen Leben erst einmal seinen Herz-Defekt und die Gefangenschaft bei den Wüsten-Terroristen durchstehen, bevor er sein Leben umkrempeln konnte. Auch Stephen Strange verliert seine Hände und somit seinen lebensdefinierenden Job als Chirurg, schnell darauf auch all seinen Reichtum, um in die Schule des inneren Geistes zu gehen, um schließlich den New Yorker Tempel seines Ordens zu beschützen, ‚rein zufällig‘ wohl ganz unweit vom Stark Tower.

Solche augenzwinkernden Pointen verstreuen die Regisseure mittlerweile überall in den Marvel-Filmen. In den ersten Minuten des Films läuft die übliche gute Laune Musik und wir sehen einen Chirurg durch den Alltag tanzen. Er zieht sich seinen Kittel an, doch nicht ohne kurz mit seinen Händen in der Kleidung zu verweilen, als würden sie schon dort amputiert sein. Natürlich weiß bereits jeder, dass es sich um den Helden der Geschichte handelt, so wie auch niemand bezweifelt, dass grade dieser Held im Handumdrehen zum Klassenbesten des Ordens wird und alle sonstige Hindernisse schon irgendwie bewältigt. Marvel-Filme zu schauen, ist für Geübte ein derart automatisierter Vorgang, dass man sich voll und ganz zurücklehnen und die Besonderheiten der Filme hingeben kann. Die psychedelischen Trips durch die Zeitzonen, die Verschiebung der Straßen in der Spiegelwelt, wie sich ganze Wolkenkratzer durch die Verdrehung der Zeit wieder auftürmen – die CGI-Anreicherungen sind der Grund, warum ich jeden bemitleide, der ein paar Euronen sparen wollte und deshalb nur in die 2D-Fassung gegangen ist. Dazu kommen Tilda Swinton, die der Ältesten eine ungemein tiefe Ausstrahlung verleiht und schwebenden Umhänge, die Gegner erdrosseln, noch eine ganze Menge anderer charmanter Details, die in ihrer Summe erst die einzelnen Marvel-Filme zu wirklichen Erlebnissen machen.

Das ganze filmische Marvel-Universum funktioniert mittlerweile schon wie eine Serie mit vielen verschiedenen Einzelprotagonisten, dessen Episoden zwar ohne Zusammenhang geschaut werden können aber nur im Gesamtzusammenhang richtig Spaß machen. Dem gesamten gigantischen Figurenensemble geschieht in anderen Gegenden der Welt etwas gar nicht mal so Unähnliches zu dem sich jeder in ganz eigener Weise verhält, immer mal wieder treffen sie aufeinander, geraten einander, um dann die Illusion einer Welt zu kreieren, die sich aus vielen gewichtigen Einzelschicksalen zusammensetzt und in dem jeder Moment irgendwie schon einmal da gewesen ist. Nächstes Jahr ist es endlich an der Zeit, dass mein Lieblingssuperheld Spider-Man sein großes Marvelfilm-Debut gibt, die Vorfreude ist bei mir kaum zu bändigen. Da werde ich auf jeden Fall ich auf jeden Fall beherzigen, dass man sich nur die Freude an den Filmen kaputt macht, wenn man sich an ihren Ideologien, an manch fehlender Logik oder ausgekauten Handlungsverläufen aufreibt. Ich will einfach nur sehen wie sich nach dem schon grandiosen Einstand in Civil War die coolste Spinne New Yorks in dem eingespielten Marvel-Ensemble einrichtet, Wände hoch krabbelt, durch die Lüfte schwingt und nerdige One-Liner droppt. Super.

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kann dir in vollem Brustton der Überzeugung zustimmen.

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  2. filmgeist9 sagt:

    Ja, nach vielen „schlechten“ MCU- Filmen, hat man endlich wieder den Dreh gefunden. Auch wenn der Aufbau, Witz und Charaktere der Filme zu ähnlich ist –> Ant- Man, Guardians, Dr. Strange

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  3. zacksmovie sagt:

    Alle deine Punkte sind für mich der Grund, warum ich eher einen Abwärtstrend sehe.
    Ich persönlich gehe ins Kino, um von einer tollen, aufregenden Welt gefesselt zu werden und mich mitreißen zu lassen.
    Das Geld für eine Kinokarte ist mir ehrlich zu schade um ein uninsperierten und vorhersehbaren Film zu sehen. Ich will keinen zweiten Iron Man, ich will einen ersten Dr. Strange.
    Technisch war der Film zwar gut, aber die Handlung hat mich einfach nicht gepackt.

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    1. kuyaa sagt:

      Wie gesagt – alles eine Sache der Perspektive. Es gibt ziemlich viel verstreute, coole Dinge über die man sich freuen kann, als sich den Kino-Abend von einer vorhersehbaren Story vermiesen zu lassen.

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  4. Neo sagt:

    Der gefällt mir nicht. Es gibtemehrere Filme ,die viel besser sind.

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  5. filmlichter sagt:

    Ich finde es echt faszinierend zu sehen, wie bei den Marvel-Filmen aus der absolut generischen Grundformel „Bösewicht will MacGuffin-> Held schützt MacGuffin-> Bösewicht erringt MacGuffin-> 30 min Kloppe und Effekte-> Happy End-> Thanos stolpert im Nachabspann umher“ Filme von derart unterschiedlicher Qualität, wie ‚Guardians‘ auf der guten Seite und ‚Thor 2‘ auf der anderen Seite entstehen können.

    Klingt aber so als wäre Dr. Strange einer von den guten. Wobei ich bei aller Faszination inzwischen wirklich superheldenmüde bin…

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    1. kuyaa sagt:

      jep, ich denke dann solltest du dir den vielleicht einfach aufheben. irgendwann bekommt man ja eh wieder bock 🙂

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  6. Morgen Luft sagt:

    „Denn sobald man die flachen Liebesmodelle und die steinzeitlichen Männer- und Frauenbilder als Realitäten einer ganz ganz fernen Erzählwelt akzeptiert und einer ‚ernsten‘ Zuschauerhaltung abschwört“

    Im Sinne der Unterhaltung: Natürlich. Nichtsdestotrotz sollte man den Blickwinkel deshalb nicht ändern, nur weil man, böse gesagt, bedient wird. Die Kritik richtet sich nicht gegen den Inhalt an sich, sondern gegen dessen Aufbereitung. Diese spiegelt immer auch den Zuschauer wider, für den es gemacht ist. Und der entscheidet letztlich darüber was wieder ins Kino kommt.

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