Kritik: Strange Days

Hat sich nicht jeder schon mal vorgestellt wie es wäre, wenn man die Sinneswahrnehmung einer anderen Person empfinden oder fühlen könnte? In Strange Days wird dies zur Realität.

Der ehemalige Polizist Nero (Ralph Fiennes) dealt in LA illegal mit Disketten auf denen Momentaufnahmen aus dem Leben fremder Menschen mit den dazugehörigen Gefühlen aufgezeichnet worden sind. Seine Kunden können somit diese Szenen nachempfinden und Dinge spüren und sehen, die sie nicht selbst erlebt haben.

Die Schattenseiten dieser Technologie werden im Film nur allzu deutlich als Nero ein Snuffvideo mit einer Vergewaltigung und einem Mord zugespielt wird. Mit Neros Apparaten konnte der Täter dem sterbenden Opfer seine Gefühle übertragen. Die vergewaltigte Frau erfährt die sexuelle Lust ihres Angreifers mit ihren eigenen Sinnen.

Im Film wird außerdem, durch die Manipulation der Gedanken, der indirekte Tod möglich. Die Wahrnehmung kann ganz ausgeschaltet werden, sodass der Manipulierte quasi seelenlos vor sich hin vegetiert bis sein endgültiger Tod eintritt.

„Strange Days“ befasst sich aber nicht nur mit dem Science- Fiction- Element der Verfremdung der Erinnerungen, wie in „Total Recall“ oder „Dark City“, sondern auch mit den Themen Rassismus und Gewalt gegenüber Frauen. Dabei merkt man dem Film selber kaum an, dass hier eine Frau (Kathryn Bigelow) Regie geführt hat . Schon gar nicht in den rasanten Actionsequenzen. Wohl aber in der Zeichnung der Charaktere.

Mace (Angela Bassett), die als Bodyguard arbeitet und neben seinem Kumpel Max (Tom Sizemore) Neros einziger Freund ist, hat Selbstbewusstsein und ein starkes Durchsetzungsvermögen. Sie weiß genau was sie will und ist heimlich in Nero verliebt, macht sich aber um seine psychische Verfassung sorgen. Im weiterem Verlauf der Handlung wird sie zur eigentlichen Heldin des Films und nimmt ihm oft wichtige Entscheidungen ab, da sein Urteilsvermögen dadurch getrübt ist, dass er versucht, die Beziehung zu seiner ehemaligen Geliebten Faith (Juliette Lewis) zu retten.

Nero ist dagegen ein sensibler und ängstlicher Mann, der offen seine Angst zeigt und mit seinem Leben überfordert ist. Seine Unsicherheit versucht er mit Machoverhalten und schmierigem Benehmen zu überspielen. Er wird jedoch auch als verantwortungsbewusst und mitfühlend dargestellt.

Die Tatsache, dass der gesellschaftskritische, in einer nahen Zukunft spielende Film bei seinem Erscheinen vom Publikum so ziemlich übersehen wurde und auch heute kaum bekannt ist, liegt wahrscheinlich an einem schlechten Marketing und der brisanten Thematik. Die ohnehin schon bedrückende Atmosphäre wird durch Szenen von Straßenschlachten zwischen Afro-Amerikanern und Amerikanern nach der Ermordung eines farbigen Rappers noch verstärkt.

Dabei hat „Strange Days“ mit Ralph Fiennes und Angela Basset nicht nur eine hervorragende Besetzung, sondern auch eine gute Story. Der einzige Minuspunkt diesbezüglich war für mich die teilweise recht vorhersehbare Auflösung, welche aber nach all den positiven Aspekten, die der Film zu bieten hat, nicht weiter störend ist.

Wer also Gewalt in Filmen verkraften kann und auf eine wirklich ziemlich fiese Vergewaltigungsszene vorbereitet ist, sollte sich den intelligenten, gar nicht so unrealistischen Science- Fiction Strange Days unbedingt ansehen.


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