Kritik: Einfach das Ende der Welt – Französisches Starensemble

Xavier Dolan gilt als das größte Regietalent der derzeitigen Filmszene. In seinem neuen Film Einfach nur das Ende der Welt (Originaltitel: Juste la Fin du Monde) sperrt er fünf französische Hollywood-Größen in das meist gespielteste Kammerspiel der Franzosen. Neben Gaspard Ulliel (Saint-Laurent, Hannibal Rising), der die Hauptrolle bekleidet, tummeln sich Nathalie Baye (Catch me if you can), Marion Cottilard, Vincent Cassel und Lea Seydoux in die Adaption, dessen Original von Jean-Luc Lagarce stammt und in Frankreich als Schullektüre gilt. Sehr vielversprechende Argumente also die handvoll Euronen zu investieren. Nach seinen weit gefeierten Homosexualdramen Ich habe meine Mutter getötet und Mommy also genau das richtige für den inzwischen 28-jährigen Frankokanadier. Oder etwa nicht?

Hauptfigur Louis (Gaspard Ulliel) ist auf dem Weg zu seiner Familie, mit der er bereits lange jeden Kontakt gebrochen hat. Es gilt sich zu rehabilitieren, jetzt wo sein Leben einen schweren Schlag getroffen hat. Die HIV-Krankheit des Originals wird im Film verschwiegen, Joel wird nur als ein sehr sensibler Charakter in den Film eingeführt. Seine Tage auf der Welt muss er nun anfangen zu zählen, deshalb die Reise in seine Vergangenheit, mit der er schon in seiner Jugend gebrochen hat, um das Leben anzufangen, was in seiner kleinfranzösischen Dorfheimat nicht möglich war.

Wenn er nun zurückkehrt und sein altes Haus betritt, seine Familie noch so viel proletarischer und rauer ist als er, dann sind die Themen des Films gesetzt. Es geht um die Begegnung des weltoffenen Stadtmenschen mit der Welt, an der die Welt vorüber geht, die die in kleinen Verhältnissen immer gleich bleibt, ganz unabhängig, ob willentlich oder unwillentlich. Louis‘ Schwester Suzanne (Lea Seydoux) ist nämlich die Figur, die hinaus will, aus ihren Verhältnissen, auf die sie keinen Einfluss mehr hat, der älteste Bruder Antoine (Vincent Cassel) jedoch derjenige, dem seine kleine Welt zwar nicht gefällt, sie aber aggressiv vor Veränderungen zu schützen sucht. So das Schicksal der kleinen Familie, die sehr an dem frühen Tod des Vaters zu leiden hatte.

Trotz dieser durchaus vielversprechenden Konstellation fällt der Film in vielen Aspekten ziemlich dürftig aus. Einerseits schafft es Xavier Dolan nicht, dem Familiendrama seinen Stempel aufzudrücken. Die vielen Dialogszenen werden in ewig währendem Schuss-Gegenschuss-Prinzip präsentiert. Die Mienen der Schauspieler sind, wie der Stoff auch verlangt, stocksteif, distanziert und sehr verletzlich. Schon mit dem ersten Schritt des verlorenen Sohnes in das alte Heim ist die Atmosphäre angespannt. Ändern tut sich das genauso wenig wie Gaspard Ulliels Hündchenblick. Das Kino-Erlebnis wird daher zunehmend langatmiger. Zwar ist das alles handlungslogisch motiviert – der Zuschauer leidet unter der Unmöglichkeit von Kommunikation in dieser zerbrochenen Familie mit – doch hier fehlt eindeutig der Kontrast, der eine stärkere Profilierung der Einzelszenen leisten würde. Die meisten Regisseure würden die Rückblenden des Films noch weiter zum Leuchten bringen. Dolan entscheidet sich stattdessen für verschwommene Reflexionen, die in ihrer poetischen Stimmung zu den Hochpunkten des Films gehören, doch in ihrer Kürze das rigide Tempo des Films nicht retten können.

Unbefriedigend also, dass ein Film über die Unfähigkeit von Kommunikation sein Leitthema so direkt vorträgt. Die Gespräche der Figuren scheitern oft an den zu heterogenen Figuren. Da ist kein Verständnis mehr möglich zwischen den Geschwistern, weil besonders Antoine seine Position gefährdet sieht und deshalb die Mediationsversuche der Mutter (Nathalie Baye) destruiert. Unbefriedigend aber auch, dass Louis fast den ganzen Film über stumm bleibt und nicht den Mut finden kann, das zu tun, wofür er eigentlich gekommen ist – Frieden zu schlichten. Die letzten Szenen sind gerade deswegen enttäuschend, nicht weil jeder Film ein happy end haben und in jeder Geschichte der verlorene Sohn von seiner Familie wieder aufgenommen werden muss, sondern weil sich das Gefühl von Reue einstellt, das bei jeder verpassten Gelegenheit der Ehrlichkeit aufkommt. Wenn der Zuschauer zwei Stunden lang hingehalten wird, ohne dass vom Protagonisten nicht versucht, was von ihm verlangt und erwartet wird, darüber hinaus filmische Poesie sich nur punktuell in Rückblenden oder leider ziemlich flach, fast kitschig, in der Endszene blicken lässt, dann ist das Gefühl der Reue eines, was die gelöste Kino-Karte und Abend in einem nur mittelmäßigen Film betrifft. Ansonsten bleibt nur zu hoffen, dass der stürmende und drängende Xavier Dolan der jüngeren Jahre uns nicht verloren geht.

6


Cast

  • Regisseur: Xavier Dolan
  • Drehbuch: Xavier Dolan
  • Kamera: André Turpin

Darsteller

Darsteller Rolle
 Nathalie Baye Mutter
Vincent Cassel Antoine
Lea Seydoux Suzanne
Marion Cotillard Catherine
 Gaspard Ulliel Louis

Weitere Meinungen

 

  • Schnitt: 5,0/10

 

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