Kritik: Der 13.

Die Nominierungen für die Oscars 2017 sind noch ganz frisch und schon wurden die großen Gewinner ausgemacht: Natürlich stehen dabei „La La Land“ und „Manchester by the Sea“ auf vielen Listen und das auch vermutlich zurecht. Ich habe dabei hauptsächlich wieder einmal gemerkt, wie wenig der nominierten Filme ich bereits gesehen habe und wollte das natürlich so schnell wie möglich wett machen. So sind mehrere Filme bereits bei Amazon bestellt, während es bei den Streaming-Diensten bislang nur einen Film gibt, den man sich anschauen kann: Der 13. von Ava DuVernay, von dem ich vorher noch nie gehört hatte und der als bester Dokumentarfilm nominiert ist. Die Netflix-Eigenproduktion befasst sich dabei mit der Gefangenenrate in den USA und der Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung. Ob das spannend und sehenswert ist, erfahrt Ihr nun in meiner Kritik.


Handlung

Der Titel Der 13. von Ava DuVernays Dokumentation spielt auf das 13th Amendment to the Constitution (zu Deutsch: den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten) an. Der Zusatzartikel von 1865 bezieht sich auf die Abschaffung der Sklaverei auf dem gesamten Staatsgebiet der USA. Der Dokumentarfilm liefert einen historischen Verlauf der Ungleichheiten zwischen US-amerikanischen Ethnien, vor allem zwischen der weißen und afro-amerikanischen Bevölkerung. Zudem wirft DuVernay einen sezierenden Blick auf den Strafvollzug des Landes. (Moviepilot)


Kritik

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich nicht viel über die Rassenkonflikte in den USA sagen kann. Natürlich kriege ich immer wieder was von den aktuellen Protesten mit und könnte auch grob wichtige Personen und Geschehnisse (Martin Luther King, Rosa Parks, etc.) benennen, insgesamt kenne ich mich aber nicht sehr mit dem Thema aus. Das ist bei Der 13. aber überhaupt gar kein Problem, weil so gut wie kein Hintergrundwissen vom Zuschauer verlangt wird. Alle wichtigen Eckpunkte ab dem frühen zwanzigsten Jahrhundert werden anschaulich und nachvollziehbar erklärt, sodass auch der unwissendste Zuschauer alles versteht.

Ebenso bedeutet das aber auch, dass man nicht allzu sehr in die Tiefe gehen kann und nur oberflächlich vermeintlich Fakten und Meinungen präsentiert. Zu oft bleiben einem Verbindungen verborgen, weil aus geringen Dingen sofort große Schlussfolgerungen gezogen werden, denen ich nicht in allen Fällen folgen konnte. Natürlich kann das auch daran liegen, dass mir Hintergrundwissen fehlt, aber ich bin auch immer ein Fan davon, einen Dokumentarfilm ohne Wissen schauen zu können. Besonders, weil man den geschichtlichen Hintergrund so einfach und gelungen erklärt hat, ist es umso ärgerlicher, wenn man dann die ebenso wichtigen Verbindungen nicht rüberbringt.

Ein großes Lob verdient allerdings die Inszenierung, die Interviews in ansprechenden Kulissen präsentiert und einzelne Epochen immer wieder mit (ich denke mal) zeitgenössischer, schwarzer Musik eingerahmt werden. Das alles sorgt dafür, dass man nicht nur akustisch, sondern auch optisch an dem Film interessiert ist. Das ist enorm wichtig, es gibt nämlich nichts schlimmeres, als einen Dokumentarfilm, den man genauso gut auch nur hören könnte. Doch Ava DuVernay schafft es, auch etwas fürs Auge zu schaffen, von einer Hollywood-Regisseurin („Selma“, „Middle of Nowhere“) kann man das aber auch erwarten. DuVernay enttäuscht aber nicht und inszeniert gekonnt.

Weniger gekonnt kam mir allerdings die Aufarbeitung der Themen daher. Wie schon oben erwähnt, fehlt es insgesamt doch etwas an Tiefe, was auch dadurch deutlich wird, dass nur eine Seite beleuchtet wird. Auch wenn die Interviewpartner alle Interessantes zu erzählen haben und sicher ihren Teil zur Geschichte in den USA beigetragen haben, sie alle sind Unterstützer der These, das die schwarze Bevölkerung in den USA ungerecht behandelt wird. Natürlich, der Film möchte genau diese These untermauern, aber ich halte es doch immer für fragwürdig, keine Gegenstimmen zuzulassen und sei es auch bei einem Thema wie diesem. Es gibt nur einen einzigen Interviewpartner, der Gegenstimmen lieferte und dieser wurde dabei meist ins Lächerliche gezogen. So stelle ich mir eine gelungene Dokumentation nicht vor, vielmehr sollte man dem Zuschauer auch noch in gewissem Maße das Denken überlassen.

Ebenso werden auch immer wieder Fakten aneinandergereiht, die kaum bewiesen oder ansprechend dargestellt werden würde. Es gibt nur Meinungen der Experten, die aus geschichtlichen Eckpunkten ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen haben. Das soll nicht heißen, dass ich das nicht nachvollziehen konnte oder der Meinung bin, der Film wäre ein Lüge, das Gegenteil ist der Fall. Ich wünsche mir aber einfach in solch einem Film auch Quellen und Beweise für Behauptungen, ansonsten wird die Gesamtbotschaft nicht in dem Maße gestützt, wie man es sich wünschen würde. Besonders bei diesem sensiblen Thema, das ebenso wichtig ist, hätte man mit einer anderen Herangehensweise noch sehr viel hätte rausholen können.


Fazit

Der 13. ist wohl eine der aktuellsten und wichtigsten Dokumentationen über die Rassenkonflikte in den USA, allerdings zeigt sie zu oft zu viele Schwächen, sodass das gesamte Ergebnis etwas abgeschwächt wird. Großes Lob verdienen die Inszenierung und die wichtigen Punkte, die man unterstreichen möchte. Leider wird das durch fehlende Gegenstimmen, die meiner Meinung nach fast genauso wichtig sind, und eine zu oberflächliche Betrachtung zum Teil wieder eingerissen. Wer aber einen geschichtlichen Überblick und eine erschreckende Analyse der Geschichte erleben möchte, findet hier einen guten Film, der alleine aber nicht ausreichend ist.

6


Die Filme von Ava DuVernay

  • This Is the Life (2008)
  • I Will Follow (2010)
  • Middle of Nowhere (2012)
  • Selma (2014)
  • Der 13. (2016)
Advertisements

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Trallala sagt:

    Sehr gut. Ich bin voll überzeugt worden meine euphorische imdb-Wertung ein bisschen nach unten zu setzen^^

    Gefällt 1 Person

  2. filmgeist9 sagt:

    Danke sehr für den Tipp. Sollte mehr Dokus bei Netflix schauen. Mein Tipp für dich als Film ist „Under the Shadow“- es ist zwar ein iranischer BADADOCK, doch der ist auch intensiv.

    Gefällt 1 Person

    1. Staffmann sagt:

      Ich war auch überrascht und werde demnächst sicher auch mehr Dokus sehen. Okay, den werde ich mir mal vormerken, gibt es den auch auf Netflix?

      Gefällt 1 Person

      1. filmgeist9 sagt:

        Jep

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s