Kritik: Victoria

Ich hab nun endlich die Möglichkeit gehabt, Victoria nachzuholen. Ihr wisst schon, dieser eine deutsche Film aus 2015, dieser One-Take der plötzlich überall gehyped wurde. Vergangene Woche lief der auf Arte und war dann auch noch ein paar Tage in der Mediathek erhältlich. Sechs Pokale des Deutschen Filmpreises gingen damals an das Team von Regisseur Sebastian Schipper. Und jetzt wo ich ihn gesehen hab, kann ich endlich mit bestem Gewissen sagen – der Film hat es einfach alles verdient.

Victoria ist eine frisch nach Berlin gezogene Spanierin, die niemanden wirklich kennt und folglich ein wenig von Großstadteinsamkeit geplagt wird. In einem Café in Mitte arbeitet sie ziemlich unterbezahlt, nachts geht sie feiern, wie sich das in Berlin halt so gehört. Immer wieder sieht man ihr ihre Lebensfreude an, das Mädchen will Spaß haben, was Erleben, also kommt es ihr auch ganz gelegen, dass sie von ein paar groben aber doch ziemlich sympathischen Männern angeredet wird. Komischerweise verrät nur keiner von ihnen Victoria seinen richtigen Namen. Sonne, Boxer, Blinker und Fuß nennen sie sich, als wären sie im Räuberbandenspiel aus dem Kindergarten hängen geblieben. Naja, so falsch ist das eigentlich auch nicht, denn die vier sind mehr aus Versehen und eigenem Ungeschick in wirklich heikle kriminelle Sphären reingerutscht – und Victoria ist plötzlich mittendrin.

Großartig wie diese abenteuerlichen oder auch märchenhaften Elemente ganz ohne zu großer Anstrengung oder Unglaubwürdigkeit in die Geschichte eingepflochten werden. Zu alltäglich und zu normal heißt oft ziemlich langweilig, so wissen die Schreiber daher, dass zu jeder guten Geschichte, egal wie realistisch sie sein soll, ein wenig Feenstaub gehört. So ist auch Victoria nicht nur irgendeines der vielen niedlichen, orientierungslosen Mädchen, sondern wächst zu einer wirklich tiefgründigen Figur heran und wird dabei auch noch so leichtfüßig und selbstverständlich von Laia Costa verkörpert, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt.

Der One Cut ist auch einfach fantastisch, gar nicht so langweilig und dynamisch wie man sich das denkt. Viel besser sogar gebraucht als in Birdman, denn die ganze Handlung in Echtzeit sehen, wie die Gruppe sich kennenlernt, schrittweise so etwas wie Hoffnung in Victorias Augen sehen zu können, nur damit er sich kurze Zeit später wieder umso in Luft auflöst. Der Film beginnt nachts um 4:00, wenn Victoria etwas trübselig aus einem Club kommt, und endet mit der Dämmerung des Tages. Und was in diesen zwei Stunden passiert, in diesem Rhythmus der Nacht passiert, ist eine Welt für sich.

Dabei muss man bei aller Euphorie aber auch mal auf dem Boden bleiben. Victoria hat die Messlatte für das zukünftige deutsche Kino unglaublich hoch gesetzt und allen bewiesen, dass gute Filme in Deutschland möglich sind. Seine Meisterleistung liegt in seinem Produktionsteam, die die Hilfe jeglicher Himmelssterne bekamen. Trotzdem wird aus ihm aber wohl trotzdem keine absolute Sternstunde des Kinos, weil die Handlung dann doch letzten Endes nicht besonders und seine Figuren nicht kultig genug sind. Aber was muss denn überall gemeckert werden – Victoria muss man wohl einfach gesehen haben.

8


Weitere Meinungen

 

  • Schnitt: 8,0/10

8

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Morgen Luft sagt:

    Ich mag an Sebsatian Schippers Arbeit, wie er es schafft, stets dieses Gefühl aufrechtzuerhalten, dass einfach alles passieren kann. Dadurch, dass es authentisch bleibt, ist es dennoch so nah am Zuschauer. Famos. Victoria mochte ich aus genau diesen Gründen, der One Take hat mich gar nicht so interessiert. Aber jeder, der mal nachts allein durch eine fremde Stadt gegangen ist, kann sich darin wiederfinden.

    Gefällt 2 Personen

  2. filmlichter sagt:

    Ich bin nach dem ersten Ansehen zu ziemlich genau demselben Ergebnis gekommen wie Du (siehe hier: https://filmlichtung.wordpress.com/2015/12/22/gestern-gesehen-victoria-2015/). Nach nochmaligem Ansehen, muss ich sagen, dass die eigentliche Leistung des Films ist, das er das ganze One-Take Brimborium fast vergessen macht und rein in den Dienst seiner „alles-kann-passieren“ Mentalität stellt. Meiner Meinung nach wächst der bei mehrfachem Ansehen, weil man eben nicht mehr so aufs Gimmick fixiert ist.

    Der Film hätte – gerade international- durchaus noch mehr Aufmerksamkeit verdient.

    Gefällt 1 Person

  3. franziska-t sagt:

    Ich habe den Film damals auf der Berlinale gesehen und war auch wirklich begeistert. Es gibt genügend schweigerische und schweighöferische Rom-Coms und Historiendramen, die wahlweise den zweiten Weltkrieg oder den Ost-West-Konflikt zum Thema haben, im deutschen Kino, da freut es mich immer, wenn auch andere Geschichten auf eine neue Art erzählt werden und VICTORIA gehört in jedem Fall zu dieser Sorte dazu (wie übrigens auch der ebenfalls völlig zu Recht gehypte TONI ERDMANN). Ich fand es damals wirklich schade, dass VICTORIA nicht als deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen geschickt wurde.

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