Kritik: Hamilton

Lange Zeit habe ich mich ja nicht als Fan von Musical- oder Musikfilmen im Allgemeinen gesehen. Meist war ich eher angeödet, als unterhalten von Gesangseinlagen, seien sie nun im neuen Disney-Animationsfilm oder in einer Komödie. Auch wenn sich im Laufe der Zeit gewandelt, würde ich mich dennoch nicht als Fan solcher Filme bezeichnen. Was ich jedoch mag, sind Musicals an sich. Das mag zunächst gegensätzlich wirken, aber das Erlebnis in einem großen Theatersaal ist dann doch noch etwas anderes. Insofern war es auch immer mein Wunsch, irgendwann einmal am Broadway ein Musical sehen zu können. Ganz oben auf meiner Liste standen lange Zeit das Stück der Southpark-Macher „The Book of Mormon“, welches ich Anfang des Jahres in Zürich sehen konnte, und natürlich auch Hamilton, den ich nun auf Disney+ schauen durfte. Ob sich die Magie des Musicals auch auf dem heimischen Bildschirm verbreitet hat, möchte ich heute beschreiben.


Handlung

Die Handlung zusammenzufassen, das würde vermutlich mein Können des Schreibens überschreiten, aber vielleicht ein kurzer Umriss: Alexander Hamilton, der bekannt wurde als Gründervater und erster Finanzminister der USA, reist während der Unabhängigkeitskriege nach New York und nimmt dort sowohl im Krieg als auch anschließend in der Politik großen Einfluss auf die Entwicklung des Landes. Besonders spannend ist dabei jedoch auch seine Beziehung zu seiner Frau und seinem lebenslangen Rivalen Aaron Burr.


Kritik

Was mir bei Hamilton relativ schnell aufgefallen ist: es wird kaum gesprochen. Natürlich wird gesungen, sowohl im Sprech- als auch im normalen Gesang, doch reine Dialoge, wie man sie sonst kennt, gibt es keinen einzigen. Das ist angesichts einer Laufzeit von zwei Stunden und knapp 45 Minuten extrem beeindruckend, vor allem, weil das dem Vortrag der Handlung keinen Abbruch tut. Selbst ohne Kenntnis der US-Amerikanischen Geschichte hatte ich keinerlei Probleme, mitzukommen. Natürlich wird man die großen Zusammenhänge etwas besser verstehen, wenn man von den Themen schonmal etwas gehört hat, aber auch so ist das Leben Hamiltons allein schon unterhaltsam genug, um den Zuschauer zu fesseln.

Diese enorme Leistung bringt aber auch nichts, wenn die Story nicht interessant ist. Und auch dort muss ich direkt sagen, dass ich nicht fassen konnte, wie ein Mann so viel in seinem Leben erleben konnte. Doch nach einer intensiven Recherche musste ich feststellen, dass so gut wie nichts in dem Stück erfunden ist. Alle markanten Situationen sind genau so passiert. Ich habe schon so einige Musicals gesehen, aber es gab bislang keines, bei dem ich allein von der Handlung so fasziniert war. Sonst konnten mich Musicals immer von der Stimmung und der Musik her überzeugen, ein „Tanz der Vampire“ hat nun mal keine extrem spannende Geschichte.

Hamilton (rechts) und Burr verbindet eine lebenslange Rivalität

Doch „Hamilton“ hat dazu auch noch so viel mehr: Die Musik ist extrem gut und das in mehreren Genres. Allen voran die Rap-Bits haben sich so in meinem Kopf festgesetzt, dass ich die immer wieder vor mich hinsinge. Größtes Lob verdient dabei ohnehin der Autor, Erfinder und Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda. In einem Privatauftritt im Weißen Haus hat er noch davon gesprochen, aus dem Leben von Hamilton ein Album machen zu vollen. Bekommen hat er dafür viel Gelächter, doch was sich daraus entwickelt hat, ist anhand der geschichtlichen Einordnung, der künstlerischen Darstellung und auch aufgrund des wunderbar divers besetzten Casts ein Gesamtkunstwerk, was es so meiner Meinung nach noch nicht gegeben hat.

Dabei strotzt „Hamilton“ auch noch so vor Humor, Spannung und auch Gefühl, es ist wohl das erste Musical, bei dem ich auch im Theater selbst hätte weinen müssen. Einige Darsteller haben dabei sogar noch Doppelrollen (z.B. Daveed Diggs und Anthony Ramos), die sie dann wiederum nahezu fließend ineinander spielen und so keinen Zweifel an den Figuren zulassen. Besonders Diggs‘ Darstellung von Thomas Jefferson muss ich hier explizit loben. Es ist kein Wunder, dass er damit auch weitere Rollen in Filmen und Serien bekommen hat, zuletzt z.B. in „Snowpiercer“.

Auch Thomas Jefferson ist Hamilton trotz eines frohen Gemüts nicht wohlgesonnen.

Fazit

Im Grunde kann ich an Hamilton keinen einzigen negativen Punkt nennen. Wenn man sich darauf einlässt, wird man knapp 3 Stunden lang in eine Geschichte gezogen voller Intrigen, Humor, Emotionen und einer Crew, die mit Herzblut all das rüberbringt. Wenn man in Jahren zurückblickt in die heutige Zeit, wird man immer Lin-Manuel Mirandas Bühnenstück nennen müssen, künstlerisch und gesamtgesellschaftlich. Kurzum: Hamilton ist ein Meisterwerk!


Cast

  • Regisseur: Thomas Kail
  • Drehbuch: Lin-Manuel Miranda

Hauptdarsteller

DarstellerFigur
Lin-Manuel MirandaAlexander Hamilton
Philippa SooElizabeth Schuyler
Leslie Odom Jr. Aaron Burr

Nebendarsteller

  • Daveed Diggs
  • Renée Elise Goldsberry
  • Jonathan Croff
  • Chris Jackson
  • Jasmine Cephas Jones
  • Okieriete Onaodowan
  • Anthony Ramos

Die Filme von Thomas Kail

  • Grease Live! (2016)
  • Hamilton (2020)

Bildrechte: © Disney 

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