Kritik: Persepolis

Das tolle an den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern ist ja, dass sie ab und zu auch mal richtig gute Filme im Fernsehen zeigen. Nur leider trauen sie sich nicht, die dann zur besten Sendezeit, sondern nur nachts zu senden. So habe ich beim zappen auf rbb den preisgekrönten und gefeierten Zeichentrickfilm Persepolis gefunden, natürlich um 0 Uhr dreißig. Das hat aber ganz gut gepasst, weil der Film über die Jugend eines iranischen Mädchens schon lange auf meiner Liste stand. Nur habe ich mich bislang immer gesträubt, mir das anzutun, weil ich einen ernsten und nicht gerade witzigen Film erwartet habe. Zumindest in diesem Punkt habe ich mich dann aber getäuscht. Wie ich „Persepolis“ insgesamt fand, kläre ich jetzt in meiner Kritik.


Handlung

Marjane ist acht Jahre alt, als der Schah aus dem Iran vertrieben wird und die Mullahs die Macht an sich reißen. Fortschritt und Freiheit bleiben auf der Strecke, als im Zuge der islamischen Revolution Tausende im Gefängnis landen und Frauen gezwungen werden Kopftücher zu tragen. Doch die rebellische Marjane denkt gar nicht daran, sich dem rigiden Regelwerk zu unterwerfen. Viel lieber entdeckt sie Punk, ABBA und Iron Maiden und macht erste Erfahrungen macht Jungs. Sie ahnt nicht, dass ihr spielerischer Protest gefährlich ist – nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familie… (Amazon)


Kritik

Eines vorweg: Wer so wie ich Angst vor dem Film hatte, weil er sehr harten Stoff erwartet hat, der wird sofort eines besseren belehrt. Anders als „Waltz with Bashir“, der trotz Zeichtrickstil sehr ernst ist, verlässt sich Persepolis auch auf wirklich sympathischen Humor, der von der ersten Sekunde rüber kommt. Der Humor kommt dabei nicht durch plumpe Witze oder dumme Charaktere. Die Hauptfigur ist einfach so nett und naiv, dass es Spaß macht, ihr zuzusehen und ihre Erfahrungen zu teilen. Denn ähnlich wie sie, erfährt man hier auch die Verhältnisse im Iran und was damals geschehen ist.

Dabei darf man den Film nicht als Dokumentation verstehen. Sicherlich ist hier Vorwissen nicht nur empfohlen, sondern fast schon notwendig. Oftmal saß ich da und habe nicht genau verstanden, was dort nun passiert. Das stört den Gesamteindruck aber nicht allzu sehr, weil die Grundzüge durch (ebenfalls witzige) Einspieler erklärt werden. Ich konnte vorher nicht viel mit der iranischen Geschichte anfangen, aber durch „Persepolis“ habe ich nun ernsthaftes Interesse entwickelt. Wie schon „Waltz with Bashir“ schafft es der Film, das Interesse zu wecken, ohne dem ganzen einen Stempel aufzudrücken.

Das soll aber nicht heißen, dass hier nichts kritisiert wird. Die Regisseurin Marjane Satrapi, die auch schon die Comicvorlage geschrieben hat, zeigt hier klar auf, worunter Frauen, Kinder und allgemein jeder im Iran zu erleiden hat. Ein Endgültiges Urteil fehlt aber, auch weil Europa ebenfalls nicht gerade gelobt wird. In diesem Sinne ist „Persepolis“ sehr subjektiv, eine eigene Meinung des Zuschauers lässt der Film aber zu und genau das erwarte ich von solch einem politisch angehauchten Film.

Gespalten bin ich bei meiner Meinung zu der Animationsart des Films. Es handelt sich hier nicht um einen realistischen Stil wie in „Waltz with Bashir“, um den Vergleich ein letztes mal zu ziehen, sondern um einen ganz klar comicartigen Stil. Das passt sehr gut zum kindlichen Verhalten der Figur und lässt das Geschehen so surreal wirken, andererseits hat mich der Animationsstil doch schon ermüdet, weil er manchmal zu schlampig aussieht. Das ist aber nur eine subjektive Meinung, viele werden den Stil vermutlich richtig toll finden, mir hat er nicht so gefallen, ohne eine Alternative nennen zu können.

„Persepolis“ lebt aber auch oder vor allem von der Handlung. Und da hat der Film das große Glück, dass die Lebensgeschichte von Satrapi so interessant ist. Die Verbindung der schwierigen Verhältnisse im Iran mit ihrer persönlichen, teils tragischen Geschichte ergeben eine Handlung, die kurzweilig ist und einem vor Augen führt, was dort eigentlich los ist. Dass Szenen dabei manchmal etwas lang geraten und nichts ins Gesamtkonzept passen, damit muss man dann leider leben. Insgesamt habe ich aber den ganzen Film über mitgefiebert und war selten gelangweilt.


Fazit

Persepolis hat meine Erwartungen nicht erfüllt, weil ich etwas völlig anderes erwartet habe. Anstatt eines viel zu ernsten Zeichentrickfilm für Erwachsene gibt es hier einen kurzweiligen und teilweise ziemlich witzigen Film, den man auch Jugendlichen zeigen kann. Vor allem ist der Film aber sympathisch und aufklärend, den ich jedem empfehlen kann. Der Animationsstil und das vorausgesetzte Vorwissen schmählern den Gesamteindruck ein wenig, insgesamt gehört der Film aber sicher zu den besten Zeichentrickfilmen, die es gibt.

8


Cast

  • Regisseur: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi
  • Drehbuch: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi
Deutscher Sprecher Rolle
 Jasmin Tabatabai Marjane Satrapi
Eva Kryll Mrs. Satrapi
Nadja Tiller Marjanes Großmutter
Marcus Off Mr. Satrapi
Hanns Zischler Onkel Anouche

Weitere Meinungen

 

  • Schnitt: 8,0/10

8


Die Filme von Vincent Paronnaud

  • Persepolis (2007)
  • Huhn mit Pflaumen (2011)

Die Filme von Marjane Satrapi

  • Persepolis (2007)
  • Huhn mit Pflaumen (2011)
  • La bande des Jotas (2012)
  • The Voices (2014)
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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ist echt ein toller Film mit einer gesunden Mischung aus Humor, Gesellschaftskritik und Metal. 😃

    Gefällt 1 Person

    1. Staffmann sagt:

      Ja, besonders der Humor hat mich überrascht und gefreut 🙂

      Gefällt 1 Person

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