Kritik: The Salesman

Was wusste ich vorab über diesen Film: Rache würde eine große Rolle spielen, hoffentlich nicht zu klassisch im Aufbau. Auch, dass der Film eine iranische Produktion ist und ebenda spielt, war mir bekannt, sowie die Nominierung für den Oscar in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“. Wie zu erwarten lief/läuft der Film nur in wenigen ausgewählten Kinos, ich verrate an dieser Stelle schon so viel: Es lohnt sich, für the Salesman  eines dieser Kinos aufzusuchen.


Inhalt

Der Film begleitet das Ehepaar Rana (Taraneh Alidoosti) und Emad Etesami (Shahab Hosseini) die aufgrund von baubedingter Einsturzgefahr kurzerhand ihre Wohnung verlassen müssen. Emad ist Lehrer und Abends wirken er und Rana gemeinsam als Darsteller am Theater mit, wo sie gerade das Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ einstudieren. Freund Babak erfährt von der misslichen Lage der beiden und möchte ihnen in einem vermeindlichen Freundschaftsdienst eine Wohnung vermieten, verschweigt dabei jedoch, wer die Vormieterin war, deren Sachen sich immer noch in einem Zimmer der Wohnung befinden. Eines Abends ist Rana allein zu Haus und betätigt den Türöffner, da sie davon ausgeht, das könne nur Emad sein. Ein schrecklicher Fehler, wie sich herausstellt, ist es doch ein Kunde der Vormieterin, die, wie sie später erfahren, von „zweifelhaftem, unehrenvollem Ruf“ gewesen sein soll. Von Prostitution zu sprechen, traut sich niemand. Rana wird also in ihrer Wohnung überrascht und fällt der brutalen Gewalt des Fremden zum Opfer. Ihr Mann Emat sinnt nach Vergeltung für die grausige Tat, doch Rana möchte nicht zur Polizei gehen und die Geschichte immer wieder vortragen müssen, und auch im Freundeskreis solle es doch nicht angesprochen werden. Gleichzeitig erträgt sie es nicht mehr, allein in der Wohnung zu bleiben und Emat verzweifelt an der Machtlosigkeit, mit der er sich konfrontiert sieht. Er beginnt also, der Spur des Täters auf eigene Faust nachzugehen.

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Rana (Taraneh Alidoosti) und Emad Etesami (Shahab Hosseini) in „The Salesman“ © Prokino

Kritik

Wer einen klassischen Rachefilm erwartet wird überrascht werden, denn Protagonist Emat ist zu einem vorsichtigen Vorgehen gezwungen und wo in großen Hollywoodproduktionen vermutlich eine rasante Verfolgungsjagd stattfinden würde, ist hier mehr Kreativität gefragt und es läuft selten in die Richtung, die man erwarten würde. Darsteller Shahab Hosseini spielt wirklich hervorragend seinen vor innerer Wut brodelnden Charakter, der sich trotzdem in jeder Situation dazu zwingt, die Beherrschung nicht zu verlieren und keinen unüberlegten Schritt zu machen. Schauspielerin Taraneh Alidoosti steht ihrem Kollegen in nichts nach und transportiert sehr gelungen die seelischen Wunden, die Rana erfahren musste und dem gegenüber ihre große Furcht vor gesellschaftlicher Missachtung.

Selten habe ich ein ähnlich angespanntes Publikum im Kino erlebt, insbesondere die letzte halbe Stunde ist ein wirklicher Gefühlskrimi, der keinen Raum lässt zum Popcornfuttern, abschweifenden Gedanken oder auch Filmmusik. Auf diese wird zudem im gesamten Film verzichtet, wo sie doch ein starkes Mittel sein kann(!) um Emotionen zu verstärken oder Spannung in die Höhe zu treiben. Umso bemerkenswerter finde ich es immer, wenn einem erst gegen Ende des Films auffällt, dass gänzlich auf Musik verzichtet wurde und dennoch diese dichte Atmosphäre geschaffen wurde. Ähnliches ist z.B. den Coen Brüdern im großartigen Film „No Country for old man“ gelungen. Über den Umgang mit der Thematik des Films zu schreiben ohne alles zu verraten, gestaltet sich leider als etwas schwierig. Sehr gelungen empfand ich die Darstellung gewisser gesellschaftlicher Restriktionen in diesem Land, ohne sie zum zentralen Thema zu machen, sondern die zwischenmenschlichen Begegnungen ausschlaggebend sind und zum Mitfühlen anregen. Achso: Bitte im O-Ton mit Untertiteln ansehen.


Fazit

Ein erfrischend unkonventioneller Film, der durch ein tolles Schauspiel besticht und an kaum einer Stelle in den zu erwartenden Bahnen verläuft. Ständig ist man involviert im Konflikt, sowohl zwischen Rana und Emat, als auch in den, der in ihnen tobt und ständig nach dem richtigen Weg zwischen Vergeltung, Hass, Vergessen und Vergeben sucht. Wer wirklich eindringliche 2 Stunden filmische Kinounterhaltung genießen möchte und auch ein paar nachhallende Gedanken sucht, ist mit The Salesman meiner Meinung nach sehr gut beraten. Vor kurzem sah es danach aus, als würde Regisseur Farhadi aufgrund des Einreiseverbotes nicht an der Oscarverleihung teilnehmen können. Selbst, wenn die Restriktionen zum Zeitpunkt der Verleihung nicht in Kraft sind, so hat sich das Filmteam dagegen entschieden, an der diesjährigen Oscarverleihung teilzunehmen. Durchaus verständlich, dieser Preis wird ja eh „etwas“ überbewertet und die Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ wird der Fülle an Filmen, die jedes Jahr außerhalb der U.S.A. entstehen ja nicht einmal im Ansatz gerecht.

9


Cast

  • Regisseur: Asghar Farhadi
  • Drehbuch: Asghar Farhadi

Hauptdarsteller

Darsteller Rolle
Shahab Hosseini Emad Etesami
Taraneh Alidoosti Rana Etesami

Nebendarsteller

  • Babak Karimi
  • Farid Sajadhosseini
  • Mina Sadati
  • Emad Emami

 Weitere Meinungen

 

  • Schnitt: 9,0/10

9


Die Filme von Asghar Farhadi

  • Raghs dar ghobar (2003)
  • Shah-re ziba (2004)
  • Chaharshanbe-soori (2006)
  • Alles über Elly (2009)
  • Nader und Simin (2011)
  • Le passé (2013)
  • The Salesman (2016)
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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Trallala sagt:

    Ahhhhhhh!!!! Voll gut!! 😀
    Ich habe auf imdb auch 9 gegeben, ich hätte FAST 10 gegeben, aber dann dachte ich – erst wenn ich ihn nochmal gesehen habe und immernoch einverstanden mit einer 10 bin.

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  2. Stepnwolf sagt:

    Ich hab den Film nicht im Original geguckt. Wäre mir glaub ich zu anstrengend gewesen, die ganze Zeit mitzulesen, weil es mich doch von den Bildern ablenkt.

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    1. trallala sagt:

      Kann ich verstehen, aber es geht doch was verloren, oder?.. Ob man die Version guckt in der der Regisseur bei Dreharbeiten zB sagt „sprich die Zeile hier noch ein bisschen düsterer“ und der Schauspieler muss die Szene fünf mal drehen, oder ob der Synchronsprecher das spricht, sodass es halbwegs auf die Lippen passt und dann ist gut..

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      1. Stepnwolf sagt:

        Halbwegs auf die Lippen ist relativ. Ich halte die deutschen Synchronisationen eigentlich immer für ganz gut gelungen, zumindest was den Sprechrhythmus betrifft. Na klar, geht da die immanente Muttersprachler Rhetorik ein wenig flöten. Aber da ich eh kein persisch kann, ist mir das in diesem expliziten Fall egal. 😉
        Sofern ich der Sprache mächtig bin (und in meinem Fall beschränkt sich das auf englisch) bevorzuge ich, wenn möglich, immer die Originalversion. Obwohl ich auch mal einen persischen Film im Original gesehen habe: „A girl walks home alone at night“. Da wurde aber recht wenig gesprochen, so daß ich mich auf die wunderbaren Bilder konzentrieren konnte.

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      2. trallala sagt:

        Wie war denn der Film im deutschen?
        Ich hab immer das Gefühl, dass die deutschen Stimmen oft nicht dieselbe Stimmung erzeugen, aber ehrlich gesagt habe ich auch nie einen Film in beiden Versionen gesehen, außer eben amerikanische Filme und da finde ich die gewählten Synchronstimmen oft ganz unpassend…
        Dass so oder so etwas verloren geht ist klar, irgendwo muss man wohl Abstriche machen.

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      3. Stepnwolf sagt:

        Ich fand die Stimmen ganz passend, obwohl es bestimmt Momente im Film gab, in denen das persische Temperament sicher sehr viel besser im Original ist als in der Synchronisation. Dafür müsste man aber wohl wirklich beide Versionen kennen, aber ich schau mir zumeist auch keine Filme in beiden Sprachen an. Kannst du persisch oder hast du dann auch mitgelesen?

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      4. trallala sagt:

        Auch mitgelesen, persisch kann ich nicht 😀

        Gefällt 2 Personen

      5. Stepnwolf sagt:

        Hach manchmal wünschte man sich, man hätte so einen Babelfisch wie aus „Per Anhalter durch die Galaxis“. 😉
        Obwohl, der hat ja auch immer nur in die eigene Muttersprache übersetzt… Damn.

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